Von kleinen Anfängen, großen Träumen und einer Gemeinschaft, die bleibt!
ein Porträt von Alexandra „Schwirri“ Schwirrat und Anne Thiem
Erschienen in der Programm-Zeitschrift “Xtrafun” zum MIT DIR Festival 2025.
Langsam aber sicher wird es wuselig, die Stimmung knistert, da liegt was in der Luft. Die ersten Bässe der Lambda wummern durch die Füße, bahnen sich ihren Weg von unten nach oben, durch die Glieder, den Bauch, den Brustkorb über die Kopfhaut bis hoch in die Haarspitzen. Ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit stellt sich ein und flutet in freudiger Erwartung Körper und Geist. Ringsherum wölben sich die Baumkronen im leichten Wind, die Blätter scheinen dem Rhythmus der Musik zu folgen, in der Sonne schimmern Träume. Lachende Menschen strömen aus allen Richtungen auf den Floor, neue Gesichter werden willkommen geheißen, bereits bekannte erneut begrüßt. Sie tanzen und lachen, sind mit- einander oder für sich im Moment. Sie heben ab, lassen los und erden sich zugleich. Es ist Donnerstagnachmittag. Das MIT DIR Festival öffnet mit dem Mühlenfloor die Pforten – und die Menschen ihre Herzen.
Es ist diese besondere, respektvolle Atmosphäre, die das MIT DIR Festival seit zehn Jahren ausmacht – eine Gemeinschaft, die sich weiterentwickelt hat, gewachsen und dabei stets ihrer Seele treu geblieben ist. Ein Festival, das mehr als nur gute Musik bietet – es ist ein Ort der Verbundenheit, der Kreativität und des freien Ausdrucks. Seit 2015 ist es ein fester Bestandteil der deutschen Club- und Freiraum-Kultur; ein kleines, aber feines Festival von Ravern für Raver. Lasst uns dieses Jubiläum nicht nur als Grund zum Feiern, sondern auch als Gelegenheit nutzen, die Geschichte, die Visionen und die Menschen hinter den Kulissen Revue passieren zu lassen. Denn ohne die großartigen Supporta, Artists, Gäste sowie die unermüdliche Energie der Crew wäre das alles niemals entstanden.
Was kam zuerst, Plakat oder Festivalname? Egal, hauptsache mit dir.
Wie alles begann: Drei Kollektive, eine Vision
Der Ursprung des Festivals liegt in einem Zusammenschluss dreier Berliner Kollektive: Draußen ist’s schöner, Tanzjewimmel und Freitraum, die schon vorher in der Feierszene Bekanntheit, unter Anderem durch Open-Airs erlangten. Aber gemeinsam ist man stärker und im Jahr 2015 war das Ziel dann klar: Mehrtägige Open-Air-Events, die den Menschen das Alltägliche ein paar Tage vergessen lassen sollen. Die Idee wurde immer konkreter:
Mehr Tage, mehr Atmosphäre, mehr Raum für das, was man liebt. Und der Name „MIT DIR am Müggelsee“ – so lautete der Slogan der ersten Kampagne. Der Name war Programm; eine persönliche Ansprache an alle, die Lust auf dieses gemeinsame Erlebnis hatten. Das erste Jahr am Müggelsee war chaotisch, aber auch magisch. Es gab nur etwa 600 bis 700 Gäste, alles noch sehr DIY, eine richtige Bastelarbeit. Aber die ersten glücklichen Gesichter waren einfach unbezahlbar. Schnell war klar, dass das „MIT DIR“ für eine größere Vision stand: Es ging um mehr als ein Event; es war ein Gefühl, eine Gemeinschaft, die mit dir, dir und dir ins Leben gerufen wurde. Und so wurde aus „MIT DIR am Müggelsee“ das „MIT DIR Festival“. Die Lust nach mehr war geweckt und so musste ein größeres Gelände her. Es wurde im Umland gesucht und schließlich die Klingemühle entdeckt, in der das Festival seit 2016 seine Heimat gefunden hat. An dem neuen Ort konnte nun richtig durchgestartet werden. Doch ein größeres Gelände hieß auch größere Verantwortung. Im selben Jahr wurde die „MIT DIR Festival UG“ gegründet, um dem Festival auch aus rechtlicher Sicht ein stabiles Standbein zu ver- passen. Durch den bürokratischen Rahmen konnten organisatorische und rechtliche Herausforderungen leichter angegangen und gestemmt werden. Damals waren 14 Personen beteiligt, die den Grundstein legten. Das Ziel war es, ein Festival zu schaffen, das bunt, frech und nah an den Menschen ist. Die ersten Jahre waren geprägt von improvisiertem Charme, viel Herzblut und der Herausforderung, nachhaltige Strukturen auf die Beine zu stellen.
Kurz bevor sich alles wieder drehte (Mühle, 2015)
Natürlich kamen damit auch immer wieder Rückschläge und harte Zeiten auf die Festivalgemeinschaft zu. Die ersten Jahre auf dem Gelände – dem damals noch in die Jahre gekommenen Bungalowdorf in Klingemühle, waren von harter Arbeit geprägt. Um das Gelände zu erschließen, mussten erstmal viele Kilometer Zaun um das Campingelände gezogen werden. Jung und voller Energie, wurde sich ans Werk gemacht. Mit Spaten, Sackkarre und manuellem Erdbohrer, denn für große Maschinen gab’s kein Geld. Voller Freude über jeden gesetzten Pfosten, wurde jeweils eine Flasche Sekt geköpft. Als das Werk vollendet war, stellte sich heraus, dass die Hälfte der Zaunpfähle falsch herum angebracht wurden. Das nennt man dann wohl Learning by doing und das Fazit: Spaß und Arbeit passen nur in Maßen zusammen. Niemand ist vorher auf die Festivalschule gegangen und hat das Festivalmachen gelernt. Alles unter einen Hut zu bekommen ist nicht leicht und trotzdem war die Vorfreude immer riesig. Alle kamen mit eigenen Ideen und eigenen Erfahrungen in das Projekt rein. Ohne Büro mit nur einem Pavillon, unter dem gegessen, gearbeitet, gelebt und geschlafen wurde. Internet gab es per Hotspot von der Person, die gerade Empfang hatte. Gegessen wurde aus einem großen Topf, natürlich Kartoffelsuppe aus der Dose, weil die Dosen später für Aschenbecher gebraucht wurden. Es wurden Baumhäuser gebaut, Bars gezimmert, Floors kreiert und sogar ein Floß zu Wasser gelassen. Ohne Radlader oder Maschinen. Es wurde gekämpft, geschwitzt, geweint und am Ende gelacht – denn alle wussten, dass hier etwas Besonderes entsteht.
Und danach? – eine Crew, die mit ihren Herausforderungen wächst
Weiterhin komplett ehrenamtlich organisiert, fehlte die Zeit für Struktur und es herrschte Chaos. Nachdem 2019 alle an ihre persönlichen Grenzen kamen, war klar, es muss sich etwas ändern oder es war das letzte Mal. Voller Elan wurde die erste feste Produktionsleitung, bestehend aus zwei Teammitgliedern gegründet. Ab jetzt wirds richtig gemacht! Voller Tatendrang ging es ins neue Büro an die Planung für 2020: Und zack kam Corona. Mit vielen neuen Fragezeichen hieß es plötzlich Abbruch, Umbruch oder doch Aufbruch?
Wie durch eine glückliche Fügung gab es tatsächlich Anspruch auf Coronahilfen – denn ganz knapp, aber genau rechtzeitig, waren seit drei Monaten zwei Mitarbeitende für die UG angestellt, was exakt der Förderbedingung entsprach. Glück gehabt! Mit der Energie gestärkt, dass das Projekt nicht aufgegeben werden musste, entstand eine Corona-Strategie, um die Crew beisammen zu halten: Das Ferienlager – ein Festival für die Crew unter Corona-Bedingungen. Einige sagen heute noch, dass es eins der besten Festivals war.
2021 sollte dann wieder in abgespeckter Variante ein „MIT DIR Festival“ gefeiert werden. Im April hieß es dann: Afrikanische Schweinepest im Landkreis Oder-Spree und das Festival musste erneut abgesagt werden. Und nun? – Na klar, ein zweites Ferienlager, nur größer! Doch diesmal gestaltete sich die Genehmigung nicht so einfach. Also wurde kurzerhand eine Hochzeit angemeldet und natürlich auch gebührend gefeiert. Das Ferienlager 2.0 bildete den Grundstein für die weitere Entwicklung des Festivals und den Zusammenhalt der Crew. Das Kollektiv Femquency wurde gegründet, es wurde sich in verschiedensten Workshops weitergebildet und ein erster Code of Conduct initiiert aber auch Zweifelderball, gemeinsam „Mukke machen“, die Umgebung erkunden und jede Menge Megafun waren Pflichtprogramm.
Es geht endlich wieder los!
Gestärkt aus zwei Jahren Teambuilding, ging es in die Planung für 2022. Doch wie ging Festival eigentlich nochmal? Irgendwie hatten das alle verlernt und so fand sich die Crew erneut in einem extrem anstrengenden Aufbau und noch schlimmeren Abbau wieder. Das war ein herber Rückschlag. Aber den Kopf in den Sand stecken kommt nicht in Frage und so wurde weiter an den Strukturen gearbeitet und an den Prozessen geschraubt. Somit war 2023 grandios vorbereitet. Aber irgendwas ist immer und so stand drei Wochen vor Festivalbeginn erneut die komplette Genehmigung auf der Kippe. Der Brandschutz der letzten Jahre ist nicht mehr ausreichend. Viele Kompromisse, Tanklöschfahrzeuge, riesige Wasserblasen – so groß wie ca. 800 Badewannen – und eine große Menge Mehrausgaben später, stand die Genehmigung und die Mühle konnte wieder klingen. 2024 wurde nicht aufs Konto geschaut, sondern auf den Floor! Und so wurde sich ins Jahr gestürzt. Alle die dabei waren wissen, da wurde wieder einer draufgesetzt. Das beste Jahr, was es fürs „MIT DIR“ bis jetzt gab. Bis jetzt...
In all den Jahren hat das Team mehr Menschen und Kollektive in die Organisation eingebunden und das Festival nachhaltiger und inklusiver gemacht. Von den ersten kleinen Open-Airs in Berlin bis hin zum mehrtägigen Festival im Grünen – die Intention der Menschen, die das Festival prägten, ist die gleiche geblieben. Es ist schön zu sehen, wie aus anfänglicher Naivität eine so große, liebenswerte Gemeinschaft entstanden ist. Alle Beteiligten sind von Jahr zu Jahr mit ihren Herausforderungen und Aufgaben gewachsen.
Blick nach vorne: Zehn Jahre und mehr?
Das MIT DIR ist wie ein guter Whiskey – es reift mit jedem Jahr, entfaltet neue Nuancen und gewinnt an Tiefe. Was einst als kleine Idee begann, hat eine Szene geprägt, Herzen berührt und einen Raum geschaffen, in dem Vielfalt nicht nur möglich, sondern spürbar ist. Es zeigt, wie viel Kraft entsteht, wenn Menschen mit
Liebe, Mut und Gemeinschaftssinn etwas aufbauen: Ein lebendiger Organismus, der pulsiert, sich verändert und doch seinen Kern bewahrt: Nähe. Begegnung. Freisein. Genau das soll auch in Zukunft so bleiben. Ein Ort, an dem sich Menschen zeigen dürfen, wie sie sind. An dem neue Freundschaften entstehen, Erinnerungen wachsen – manchmal für ein ganzes Leben.
Und so bleibt das MIT DIR Festival weiterhin das, was es immer war: ein bisschen verrückt, sehr herzlich, voller Energie und mit festem Vertrauen in die Stärke der Gemeinschaft. Cheers.